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„Meine Mission: alltägliches Radfahren für alle normalisieren“

Ein Gespräch mit Sarah M. Jasat über Radfahren als Lebensstil, die Radrevolution ihrer Mutter und warum sie als Verkehrsministerin die Arbeitgeber in die Pflicht nehmen würde. 

Kategorie

Fahrradheld:innen

Datum

März 2026

Sarah M. Jasat steht mit ihrem Rad auf einem Platz in Leicester und lacht ins Handy
Sarah M. Jasat: Engländerin, Radlerin, Insta-Influencerin

Sarah M. Jasat startete vor einem Jahr den Instagram-Kanal „Cycling in Sparkly Wellies" und trifft damit einen Nerv. Ihre Markenzeichen: Hijab, rosafarbenes Fahrrad und humorvolle Videos über ihren Alltag als Radpendlerin. Damit begeistert sie Tausende und bringt Menschen aufs Rad. Grund genug, ihr den Titel JobRad®-Fahrradheldin zu verleihen. 

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Schöner als mit dem Auto: Mit dem Fahrrad zur Arbeit

Sarah, wie haben Sie als Berufseinsteigerin vor ein paar Jahren über das Pendeln gedacht?

Ich dachte einfach: Natürlich fahre ich mit dem Auto, so wie alle anderen auch. Das war eben normal. Erst als ich täglich im Stau stand, wurde mir klar, das ist kein Lebensstil, den ich führen möchte. 

Und das Fahrrad war die Alternative?

Ja. Die Radfahrerinnen und Radfahrer, die ich vom Auto aus sah, hatten offensichtlich Spaß. Aber ich wusste nicht, wie ich von „Ich bin interessiert am Radfahren" zu „Ich fahre tatsächlich jeden Tag von A nach B" kommen sollte. War ich überhaupt „qualifiziert", um auf der Straße Rad zu fahren? Welche Wege, welche Ausrüstung, wie bewege ich mich sicher im Verkehr? Das war alles Neuland für mich. 

Ich bin keine Athletin und nicht besonders öko. Ich bin einfach eine normale Frau, die Rad fährt und das normalisieren möchte.
Sarah M. Jasat
Britische Rad-Influencerin, Autorin und Aktivistin, Cycling UK zählt sie 2025 zu den 100 Women in Cycling. Sie promoviert über Lifestyle-Interventionen und lebt mit ihrer Familie in Leicester.
Sarah Jasat in rosa Outfit steht am Fahrrad und schaut sehr cool

Radfahren für Normalos: Von der Pendlerin zur Radel-Influencerin

Heute füllen Sie mit Ihrem Rad-Instagram-Kanal genau diese Lücke.

Ich wollte zeigen, dass Radfahren weder Extremsport noch Selbstkasteiung ist, sondern einfach Lebensfreude. Ich war überrascht, wie skeptisch viele reagierten, als täte ich etwas Gefährliches oder Unangenehmes. Dabei hat Radfahren mein Leben verändert: meine Elternschaft, meine Arbeit, meine Gesundheit. Es hat mir Freiheit gegeben. 

Was ist Ihr Ziel mit Ihrem Kanal?

Wir werden ständig bombardiert mit Werbung für Dinge, die uns nicht unbedingt gut tun: das bessere Auto, mehr Fast Food. In meinem PhD beschäftige ich mich mit Lifestyle-Interventionen. Ärzt:innen haben oft nur zehn Minuten im Monat mit ihren Patient:innen. Meine Idee mit Instagram ist ein Gegengewicht. Ich will zeigen: „Schau, ich habe eine tolle Zeit auf meinem Rad. Macht dich das nicht auch neugierig?" Ich bin keine Athletin und nicht besonders öko. Ich bin einfach eine normale Frau, die Rad fährt und das normalisieren möchte. 

Das Fahrrad als Verkehrsmittel: In UK noch kein Alltag

Wie würden Sie die britische Radkultur beschreiben?

Radfahren gilt hier noch immer als Freizeitbeschäftigung. Für viele ist es ein Sport. Sie radeln auf dem Rennrad, in Lycra und Klickschuhen, am Sonntagmorgen 100 Kilometer. Oder Eltern bringen ihre Kinder mit dem Auto in den Park, lassen sie dort ein paar Runden auf dem Fahrrad drehen und fahren sie wieder nach Hause. Aber das Fahrrad als Verkehrsmittel im Alltag? Das ist für viele noch eine seltsame Idee. Das beginnt sich zu ändern, auch weil die Krisen unserer Zeit uns dazu zwingen: Klimawandel, Bewegungsmangel, steigende Lebenshaltungskosten. Nur fehlt oft noch die Infrastruktur, um das Auto wirklich stehenzulassen. 

Sie haben in einem Podcast mal gesagt, Radfahren sei wie Medizin für alle Probleme der Millennials. Das müssen Sie erklären.

Schauen Sie sich unsere Generation an: zu wenig Bewegung, schlechte mentale Gesundheit, wenig Geld. Unsere Kinder ständig am Bildschirm, wir selbst zu selten draußen. Das Fahrrad löst all das auf einmal. 

Wie hat das Fahrrad Ihr Familienleben verändert?

Wenn wir mit den Rädern rausfahren, ist es plötzlich einfach. Wir sind zusammen draußen, erleben Dinge gemeinsam, sehen die Welt neu. Wir radeln oft nur zum Einkaufen. Aber allein die Tatsache, dass wir mit dem Rad unterwegs sind, verändert komplett, wie ich Elternschaft lebe. Statt „Ich brauche eine Pause, hier ist das Tablet” sage ich: „Ich brauche Energie, lass uns Rad fahren.”

Sarah in Leicester

„Radfahren muss für alle funktionieren, nicht nur für die Fitten und Mutigen.”

Was wäre der größte Hebel für bessere Radinfrastruktur?

Radwege allein reichen nicht. Sie sind oft zu schmal, direkt neben schnellen Autos, und wenn viele Leute sie nutzen, rasen sportliche Fahrer:innen einfach vorbei. Was wir brauchen, sind eigene Straßen für Fahrräder, parallel zu Autostraßen. Wohnstraßen sollten für Autos nur noch als Zufahrt dienen, aber keine Durchgangsstraßen mehr sein. 

Ich weiß, das ist ambitioniert. Aber solange wir nicht alle einbeziehen, Kinder, Ältere, Menschen mit Behinderungen, wird sich nichts ändern. Radfahren muss für alle funktionieren, nicht nur für die Fitten und Mutigen. 

Was würden Sie tun, wenn Sie Verkehrsministerin von Großbritannien wären?

Erstens: weniger Parkplätze, mehr Platz für Menschen. Zweitens: Radfahren muss für alle möglich sein, auch für Menschen mit Behinderung. Spezialräder sollten subventioniert werden. Drittens: autofreie Tage, an denen Städte aufatmen. Und vor allem: Schulstraßen. Morgens und nachmittags sollten Autos dort tabu sein. Wir nehmen Lärm, Abgase und Gefahr für unsere Kinder als gegeben hin. Das darf nicht normal sein. 

Was passiert, wenn man Straßen zeitweise schließt?

Man merkt, wie friedlich eine Stadt ohne Autos ist. Erst wenn man es erlebt, versteht man, was wir verloren haben. Heute stehen Fußgänger:innen ganz unten in der Prioritätenliste. Unsere Bürgersteige sind schmal, Autos parken halb darauf, daneben dichter Verkehr. Das ist kein demokratischer öffentlicher Raum. 

Radfahren ist wie Medizin für alle Probleme der Millennials.
@cyclinginsparklywellies
Die britische Rad-Influencerin, Autorin und Aktivistin Sarah M. Jasat inspiriert auf Instagram unter @cyclinginsparklywellies vor allem Frauen und People of Colour, das Rad als alltägliches Verkehrsmittel zu entdecken.
Sarah steht mit ihrem Fahrrad auf dem Platz und freut sich

Gesundheit und Freude: Darum sollte es doch eigentlich gehen

Wie sollte sich unser Verständnis von Mobilität ändern?

Wir müssen unsere Lebensentwürfe neu denken. Viele halten es für selbstverständlich, mit dem Auto zur Arbeit zu pendeln oder die Kinder weit entfernt zur Schule zu fahren. Aber man könnte auch anders entscheiden: eine Schule, die zu Fuß erreichbar ist, ein Job, den man per Rad oder Bus erreicht. Für mich ist das eine Frage der Lebensqualität und der Gesundheit. 

Und wenn wir über Verkehrswende reden, müssen wir auch mit den Arbeitgebenden sprechen: flexible Arbeitszeiten, sichere Abstellplätze, Duschmöglichkeiten. Das sind kleine Dinge mit großer Wirkung. Politik und Unternehmen müssen gemeinsam ansetzen. 

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Haben Sie ein Vorbild oder eine Fahrradheldin?

Meine Mutter. Sie fuhr als Kind in den 1950er-Jahren hier in Großbritannien bereits Fahrrad. Damals war das völlig unüblich für Mädchen, vor allem aus südasiatischen Familien. Sie brachte mir und meinem Bruder das Radfahren bei und fährt heute, mit über siebzig, selbstbewusst bei Radausflügen mit. Sie hat ihre eigene kleine Velo-Revolution gestartet. Von ihr habe ich gelernt: Die eigene Gesundheit und Freude sollten immer Priorität haben. 

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